Die Bordeauxdogge in der Hundeschule: Gibt‘s auch ein Abitur?
Wenn man einschlägiger Literatur glauben schenken mag, ist die Bordeauxdogge grundsätzlich ein sehr intelligenter Wegbegleiter. Allerdings beschleicht mich des öfteren das Gefühl, daß die Bordeauxdogge ebenso grundsätzlich die Intelligenz zuhause lässt, wenn es auf den Hundeplatz geht.
Nun, als gutes Bordeauxdoggenfrauchen kümmert man sich ja noch vor dem Einzug des kleinen Familienmitgliedes um eine geeignete Hundeschule, und so geschah es auch in diesem Fall. Die Suche nach der Hundeschule an sich stellt schon eine enorme Herausforderung dar.
Es gibt Hundeschulen, in denen überwiegend Hunde einer alten deutschen Rasse ausgebildet werden; hier ist die Bordeauxdogge meist nicht allzu gern gesehen, da der allgemeine Bordeauxdoggenhalter keinen Bedarf an Schutzhundeausbildung hat. Dann gibt es die Gebrauchshundevereine.
Aus welchen Gründen auch immer, Bordeauxdoggen sind oftmals auch hier nicht gern gesehen. Sei’s drum, die Suche ging weiter. Endlich war eine Hundeschule gefunden, welche allen Kriterien entsprach: Liebevolle Erziehung über positive Bestätigung, altersgerechter Umgang mit Welpen und Junghunden, Gruppen mit verschiedenen Ausbildungsständen, kleine Ausbildungsgruppen und vor allem ein reichhaltiges Angebot, um der Individualität der Hunde Rechnung zu tragen.
Auf meine Frage, ob ich auch mit einer Bordeauxdogge erscheinen dürfe, antwortete man wie selbstverständlich, „Hier ist jeder Hund willkommen“. (Exkurs: Über die Definition, ob die Bordeauxdogge ein Hund sei, kann man ausgiebig philosophieren:
Ich persönlich vertrete die Meinung, man habe die Gattung Hund um die Bordeauxdogge erweitert, weil man nicht wusste, wo man sie sonst ansiedeln sollte, oder man habe es schlicht versäumt, eine eigene Gattung für die Bordeauxdogge zu erfinden! )
Wie dem auch sei, die Hundeschule war gefunden, und nach der Eingewöhnungszeit konnte es dann auch losgehen. Was soll man sagen? Ein zurückgezogenes und bescheidenes Leben war seit dem Tage des ersten Hundeschulbesuches nicht mehr möglich.
Um es einmal bildlich zu beschreiben: Man stelle sich ein allwöchentliches VW-Käfer-Treffen vor, sie sehen sich schon alle von weitem und man erscheint als einziger, plötzlich und für alle unerwartet, mit einem Hummer! In bester Du-du! Manier hupt alles wie auf Kommando in heillosem Getöse los. Aus reiner Höflichkeit brüllt man notgedrungen durch den ohrenbetäubenden Geräuschpegel: „ Mein Name ist Soundso und das ist meine Bordeauxdogge“!
Der Vorteil: Jeder kennt einen in kürzester Zeit - auch die Gruppen, die an diesem Tag nicht anwesend sind!
Der Nachteil: Innerhalb von Sekunden haben sich Dutzende von Hundeexperten um einen geschart, die einmal eine Bordeauxdogge streicheln wollen.
In Ergänzung dazu wird einem, ob man will oder nicht, gleich fachmännisch erklärt, daß dieser Welpe einmal ein beachtliches Endmaß erreichen wird, was man schließlich schon jetzt an den überdimensionalen Pfoten erkennen könne! Dankbar über die Erkenntnis, daß mein Welpe nicht in Gefahr war, an Zwergwuchs zu leiden, ging es dann auf den Platz, um die Welpenstunde zu beginnen.
Die Welpenstunde ging ausgesprochen unspektakulär vonstatten. Dies lag sicher auch daran, daß meine kleine Bordeauxdogge partout nicht laufen wollte! Er (denn, wie der geneigte Leser sicher weiß, handelt es sich um einen Rüden) stand in der Mitte und sah sich das Spektakel um sich herum sehr interessiert an.
Hin und wieder versuchte ein 3-kg-Welpe ihn zu rammen, allerdings wollte meine kleine Bordeauxdogge darob einfach nicht umfallen, was wiederum dazu führte, daß die anderen sehr schnell das Interesse verloren.
Bis auf einen der Teilnehmer: Ein kleiner, eher unterentwickelter Jack-Russell-Terrier, den die anderen scheinbar nicht leiden konnten, weil er die umherwieselnden Hundekinder permanent und unangenehm gezwickt hatte, wurde im wahrsten Sinne des Wortes anhänglich.
So war eine echte Hundefreundschaft geboren! An Klein-BX hing ständig ein Jack Russel Terrier herum, den sie sporadisch abschüttelte, nur um ihn kurz darauf an einer anderen Hautfalte wieder hängen zu haben!
Der Welpenstunde relativ schnell entwachsen ging es dann in die Unterordnungsgruppe für Junghunde, was Frauchen regelmäßige Besuche beim Friseur bescherte, um die grauen Haare färben zu lassen!
Ich erinnere mich noch gut an eine Übung, bei der Frauchen/Herrchen rückwärts laufend mit einem Leckerchen bewaffnet den Junghund animieren sollte, hinterher zu laufen um dann letztendlich den Junghund zu einem perfekten Sitz zu motivieren! Alle Albträume wurden wahr.
Ein Blick auf den Nachbarn mit seinem Border Collie bewies eindeutig, Klein-BX und ich waren noch weit davon entfernt, diese Übung zufriedenstellend abschließen zu können. Ja, dieser Border folgte in perfekt untertäniger Haltung, um schlussendlich nicht vor, sondern auf den Füßen seines Herrchens Sitz zu machen.
Das erwähnte Herrchen lebt nach meiner Einschätzung auf etwa Schuhgröße 52, auf der ein 10 Kg Border durchaus gemütlich Platz finden kann! Ein Blick auf meine Füße sagte mir sofort, daß diese Übung von mir und meiner Bordeauxdogge niemals mit Bravour erledigt werden konnte, schließlich trage ich nur Schuhgröße 36 und meine Bordeauxdogge wird einmal 60 kg wiegen!
Unberücksichtigt blieb bis dahin die eigentlich völlig überflüssige Tatsache, daß mein Hund noch immer nicht laufen wollte! Eine gewisse Mitschuld ist mir daran nicht abzusprechen. Erst ab brutto 30 kg Lebendgewicht hatte ich mich strikt genug geweigert, meinen Hund zu tragen, daß dieser sich daran gewöhnen mußte, seine eigenen Gehwerkzeuge zu benutzen.
Nicht daß man mich bereits in der Stadt belächelt hätte, weil ich meinem mittlerweile (wie ja schon vorausgesagt) auf schwindelnde Höhe heranwachsenden Welpen durch die Straßen trug, nein, das tat natürlich niemand, denn viele Menschen tragen ihren Hund schließlich auf dem Arm!
30 kg war nun aber dennoch die äusserste Grenze gewesen Ich hatte 4 gesunde Beine im Lieferumfang des Welpen bestetllt und beschloss, ab diesem Tag müssten sie ihre Aufgabe erfüllen!
Ich muß einräumen, seit diesem Tag sind wir doch in der Stadt bekannt, näher möchte ich jetzt aber nicht darauf eingehen; auch ich habe meinen Stolz und denke, dieses Geheimnis bleibt zwischen mir und den anderen 12.000 Bewohnern meiner Heimatstadt!
Mittlerweile laufend erreichten wir dann immerhin sehr bald die Erwachsenengruppe. Aufgaben wie rechts herum, links herum, gerade aus waren bei den Mitstreitern kein Problem!
Bei uns allerdings war die Perfektion der Aufgaben nur an die Qualität der angebotenen Leckerchen gekoppelt. So briet und kochte ich wöchentlich exklusive Leckereien, wie mein Mann sie sich gewünscht hätte, um gelegentlich ein Erfolgserlebnis auf dem Hundeplatz zu erlangen!
Ja, die Bordeauxdogge erzieht ihr Frauchen zur grenzenloser Demut!
Gepackt vom demutskompensierenden Ehrgeiz wurde dann auch noch die Obedience-Gruppe besucht, nach wie vor mittels zweimal die Woche Gourmetkochen, um die kleinen Erfolge im Leben zu erhaschen.
Dort wehte allerdings ein anderer Wind, um nicht zu sagen, eine gehörig steife Brise! Während der Ausbilder ausgiebig und hingebungsvoll die Übungen erläuterte, himmelten alle wohlerzogenen Hündchen in bedingungsloser Aufmerksamkeit ihr Frauchen/Herrchen an!
Allerdings, wen wundert‘s, meine Bordeauxdogge nicht. Sie wälzte sich im grünen, angenehm feuchten Gras und ließ es sich wohl sein. Prompt wurde ich gerügt, mein Hund verfüge über keinerlei Aufmerksamkeit. Wahrheitsgemäß antwortete ich, daß mein Hund sich gerade sehr aufmerksam dem grünen frischen Gras widmen würde.
Diese Antwort war scheinbar ebenso überflüssig wie unerwünscht und ich erntete einen Blick der eindeutig sagte: „Bordeauxdogge nebst Anhang 6 setzen“! O.K., Sitz konnten wir gut! Da mussten wir wenigstens nicht Laufen!
Dann, unausweichlich, kam der Tag der Tage! Ein engagierter Ausbilder meinte, auch eine Bordeauxdogge wird bedingungslos folgen! Er nahm mir die Leine aus der Hand und versuchte allen Ernstes, meine Bordeauxdogge mit ebenso schnöden sowie trockenen Leckerchen zu motivieren, rechts, links, geradeaus aus zu gehen!
Meine Bordeauxdogge ging überall hin, nur nicht in die ihr vorgegebene Richtung! Es war ein recht eigenwilliges Bild. Einen Ausbilder an der Leine hängen zu sehen, dem die Bordeauxdogge gerade vorschrieb, wohin er zu gehen habe, dann noch das wilde Gefuchtel mit seinem für Bordeauxdoggen überaus unattraktiven Leckerchen half natürlich absolut gar nichts!
Nun, nach 1,5 Jahren, haben wir es immerhin zum perfekten Sitz, Platz und Hier gebracht!
Die Quintessenz dieser Geschichte: Es ist nicht genug, nur eine Hundeschule zu finden, die jeden Hund aufnimmt, sondern der springende Punkt ist der, einen Ausbilder zu finden, der die rassespezifischen Eigenheiten unserer Bordeauxdoggen versteht, erkennt und entsprechend mit ihnen umzugehen weiß!
Nur von einem solchen Ausbilder, um mal einen Werbespot zu zitieren, werden wir wirklich geholfen – und unsere Hunde auch.
In diesem Sinne - Wir sehen uns auf unserm Ausbildungswochenende und freuen uns auf Angela und Fritz, die uns auch dieses Mal wieder mit viel Sachkenntnis, Humor und Freude hindurch begleiten werden!
|