ErziehungshiIfsmitteI Schleppleine

Quelle: DERHUND4/2008

Autor: Thomas Baumann

ehemaliger Polizei- und Diensthundspezialist bei INTERPOL, ist Sachverständiger und erfolgreicher Fachbuchautor. Er koordiniert bei Berlin in seinem Hundezentrum ein Trainer-Team und leitet außerdem die neu gegründete DOGWORLD GTS® (GTS = Global Training System) Der Schwerpunkt seiner Aktivitäten umfasst neben der Problemhund-Therapie bei Familienhunden die Dienstund- und Spürhundeausbildung sowie die Schulung und Fortbildung von Trainern und Verhaltensberatern.

Mehr unter: www.dogworld.de

Die Schleppleine hat Befürworter und Gegner. In seiner neuen Serie erklärt Hundetrainer Thomas Baumann, wie man mit dem richtigen Einsatz dieses Utensils Erziehungserfolge erzielen kann.

Unter den mittlerweile fast zahllosen Hilfsmitteln für die Erziehung und Ausbildung von Hunden hält sich seit vielen Jahren ein ganz besonderes Werkzeug bei Hundehaltern in einer bevorzugten Spitzenposition. Dabei handelt es sich um die in Diskussionen mit Fluch und Segen in Verbindung gebrachte Schleppleine: für die einen eine einzigartig positive und alternativlose Unterstützung im alltäglichen Umgang mit Hunden, für die anderen ein lästiges und mit angeblichen Risiken behaftetes Utensil mit geringem Nutzfaktor. Die Tatsache, dass die Schleppleine als Werkzeug im Umgang mit Hunden stark polarisiert, zeigt sehr deutlich, dass offensichtlich bei Hundehaltern und bei Hundetrainern sehr unterschiedliche Erfahrungen in der Anwendung und somit im Nutzen  einer Schleppleine zugrunde liegen. Fairerweise sollte jeder von der Schleppleine begeisterte Hundetrainer auch die unverkennbaren Risiken bei ihrer Benutzung deutlich zur Sprache bringen. Genauso aber gehört es zur wichtigen Horizonterweiterung ablehnend  gestimmter Trainer, sich den glänzenden Möglichkeiten des Schleppleinen-Einsatzes im Umgang mit Hunden nicht zu verschließen.

Um einen möglichst umfassenden Einblick in die Verwendungsbreite des Schleppleinen-Trainings zu bekommen, gilt es zunächst, vier wesentliche Faktoren etwas umfassender zu erläutern:

  • Was eigentlich genau ist eine Schleppleine? Wie lang, wie dünn oder wie dick und aus welchem Material sollte sie sein?
  •  Wann, beziehungsweise in welchen Fällen kann die Schleppleine Erfolg versprechend eingesetzt werden?
  •  Wie erfolgt der konkrete Einsatz der Schleppleine am Hund?
  •  Risiken im Umgang mit der Schleppleine sind unbestreitbar.
  •  Welche Gefahren bringt der Einsatz der Schleppleine für Hund und Halter? Wie können sie minimiert oder gar ausgeschlossen werden?

Beginnen wir mit der Beantwortung der ersten Frage: Die Schleppleine ist im Grunde genommen nichts anderes als eine verlängerte Führleine und dadurch so etwas wie der verlängerte Arm des Hundebesitzers: ein mechanisches Hilfsmittel, das in seiner Zielstellung eine verbesserte Koordinierung des Vierbeiners durch den Halter verspricht. Die am häufigsten verwendete Standard-Schleppleine hat eine Länge von 10 Metern. Es gibt sie aber auch noch in den Längen 5,15 und 20 Metern zu kaufen. Selbstverständlich sind in diesem Zusammenhang auch kostengünstige Eigenbauten beliebiger Länge möglich, da fast jeder Baumarkt die notwendigen Teile (Seile, Karabiner) im Angebot hat.

Das Material der Schleppleine kann aus Naturfasern (Beispiel Baumwolle), aus Leder oder aus Kunststofffasern Synthetik) bestehen. Dabei ist zu beachten: Je höher der Kunststoffanteil in der Leine, desto kritischere Brandverletzungen können bei einem Durchrutschen der Leine in der Handfläche entstehen. Die Schleppleine gibt es in den Formen rund oder flach Gurtleine) und die Frage nach der Stärke (dick oder dünn) orientiert sich sowohl am Hund als auch am beabsichtigten Verwendungszweck. Doch dazu später mehr.

Die Schleppleine als solche kann zutreffender nicht bezeichnet werden, denn die Zielstellung bei Spaziergängen im Alltag ist sicher nicht das permanente Festhalten in der Hand, sondern das Nachschleifenlassen der Leine auf dem Boden. Dies erfordert, dass die Schleppleine nicht mit einer Schlaufe oder irgendwelchen Zusatzteilen wie Metallringen oder Zusatzkarabiner versehen ist.

Vielseitiges Ausbildungsmittel

Die Frage, wann beziehungsweise bei welchen erzieherischen, ausbilderischen oder gar therapeutischen Maßnahmen die Schleppleine Anwendung finden kann, lässt sich relativ umfassend und konkret beantworten. In Frage kommen zunächst folgende Anwendungen:

Rückruf-Training

  • Erhöhung des Führanspruches
  • Distanz-Kontrolle
  •  Verhaltens-Abbruch
  •  Fokus-Umleitung auf den Besitzer
  •  Häusliche Kontrolle(Haus-Schleppleine )
  •  Gezielte Verstärkung von Aktivitäten und somit Motivation und Stimulus

Als häufigste Zielstellung wird von Hundehaltern das Rückruf-Training genannt. Kaum etwas im erzieherischen Alltag erscheint so wichtig wie ein zuverlässiger Gehorsam beim Rückruf. Denn nur die beständige Zuverlässigkeit beim  Zurückrufen des Hundes kann als Grundstein für dessen Aktivitäten und optimale Bewegungsfreiheit im Alltagsgeschehen angesehen werden. Die allgemeine Erhöhung des Führanspruches ist neben einer verbesserten Kontrolle auf Distanz eine weitere, häufig geäußerte Zielstellung von Hundebesitzern. Sehr effektiv kann bei einem gezielten Einsatz der Schleppleine auch das Trainieren von Verhaltens-Abbrüchen sein. .Eine typische Alltagssituation ergibt sich immer wieder beim Aufnehmen oder gar Fressen von Unrat oder Speiseresten, die irgendwo auf dem Spazierweg liegen können. Ein konsequentes "Nein!", quasi unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen durch einen Leinenimpuls, kann durchaus effektive Hilfestellung beim Abbau dieser unerwünschten Verhaltensweise sein. Über das genaue "Wie" werden noch an anderer Stelle Erläuterungen folgen.

Die von mir so bezeichnete Fokus-Umleitung bedeutet nichts anderes, als dass ein extrem nach außen orientierter Hund (Außen-Fokus) sich wieder oder auch erstmalig mehr an seinem Besitzer und somit nach innen orientiert (Innen-Fokus). Hierzu kann im Einzelfall die Verwendung einer Schleppleine hervorragende Dienste leisten. Ganz ideal erscheint dabei das "anonyme" Schleppleinen-Training, das ich ebenfalls noch eingehend erläutern werde.

Kontrolle im häuslichen Bereich

Immer mehr Hundebesitzer freunden sich übrigens mit der Verwendung einer vergleichsweise kurzen Haus-Schleppleine an. Gerade bei schwierigen Hunden kann Kontrolle und Koordination in den eigenen vier Wänden durch die Haus-Schleppleine oftmals erheblich verbessert werden. Die Haus-Schleppleine ist meistens zwischen 1 und 2 Meter lang und hängt lose am Hund (befestigt an Geschirr oder Halsband), während sich dieser in den Wohnräumen frei bewegt. Aufgrund der Kürze der Leine ist ein Hängenbleiben am Mobiliar eher unwahrscheinlich und in der Berechnung einer Schaden-Nutzen- Relation kaum nennenswert. Der Einsatz der Haus-Schleppleine wird später an einem Beispiel ausführlicher erklärt. Dass eine Schleppleine nicht nur kontrollierende Aspekte, sondern auch eine durchaus stimulierende und somit motivierende Verhaltens-Steuerung bewirken kann, wissen immer noch sehr wenige Hundebesitzer. Mittlerweile aber erobert sich die Schleppleine als Hilfsmittel zur Steigerung von erwünschtem Verhalten bei Dienst- und Rettungshunden, aber auch in der Verhaltenstherapie bei ängstlichen und unsicheren Hunden eine immer stärker werdende Position.

Getreu nach dem Motto "Wehren fördert das Begehren" können mit entsprechendem Fingerspitzengefühl Erfolge in der Konditionierung oder auch in der Angst-Therapie erheblich beschleunigt werden. Auch dazu später mehr.

Wenn wir wissen, für welche Zwecke der Einsatz einer Schleppleine in Frage kommen kann. muss es im weiteren Verlauf um das so wichtige "Wie" gehen. Ein zur Verfügung stehendes Hilfsmittel, ganz egal, worum es sich dabei handelt, ist selbst niemals gut oder schlecht! Erst die Art der Anwendung entscheidet über Erfolg und Misserfolg. So ist es selbstverständlich nachvollziehbar, dass auch der Einsatz einer Schleppleine – je nach Professionalität in der Anwendung – grundlegend gut und effektiv oder auch schlecht und schädigend sein kann. Aus diesem Grund wird sich der Schwerpunkt dieser Serie mit dem "Wie" beschäftigen. Nehmen wir hierzu gleich zu Beginn den hauptsächlichen Verwendungsbereich der Schleppleine, das so genannte Rückruf-Training.

Erziehungsthema Rückruf

„Ich lauf schon mal vor" oder „Ich bin dann mal weg" scheinen die Gedankengänge vieler Familienhunde bei Ausflügen, Spaziergängen oder bei Gassirunden zu sein. Je mehr der Hund nach außen orientiert ist. desto weniger kümmert er sich um die Belange seines ihn begleitenden Zweibeiners. Nur eines kann unter diesen Umständen den Vierbeiner zu einer Umkehr bewegen: der so genannte zuverlässige Rückruf. Nahezu alle Hundeschulen beziehungsweise alle Hundetrainer haben sich ständig mit dem erzieherischen Thema Rückruf zu befassen.

Der Stellenwert des zuverlässigen Rückrufs ist auch deutlich höher anzusiedeln als beispielsweise eine Sitz- oder Platzübung. Verweigert ein Hund die Platz-Position, entsteht kein Schaden, kommt er hingegen auf Zuruf nicht zurück sondern läuft einfach weiter, können die Folgen durchaus kritische oder gar Gefahr bringende Formen annehmen. Übrigens: Ein ausschließlich auf Motivation aufgebauter Rückruf, wie er gerne selbst von Fachleuten propagiert wird, ist so gut wie nie zuverlässig.

Motivation bedeutet Freiwilligkeit und Freiwilligkeit kollidiert mit anderen Interessen. So ist ein Rückruf ohne verpflichtende Inhalte nur dann erfolgreich, wenn die Außenreize in ihrer Signalgebung nicht höherwertiger erscheinen als das Zurücklaufen zum Hundebesitzer. Natürlich ist die Schleppleine nicht notwendig, wenn ein Hundebesitzer vom zuverlässigen Gehorsam seines Vierbeiners beim Rückruf definitiv überzeugt ist.

Zur Durchsetzung eines verpflichtenden und somit zuverlässigen Rückrufes hat sich die Schleppleine als nahezu alternativloses Hilfsmittel bestens etabliert. Davon ausgehend, dass dem Hund bereits auf motivierender Basis der Rückruf vermittelt werden konnte (meist mit den Hörzeichen "Hier" oder "Komm"), ist die Schleppleine als Unterstützung der beste Garant für seine Zuverlässigkeit.

Training in reizarmer Umgebung

Am Hörzeichen-Beispiel "Hier" folgt nun in komprimierter Form die Darstellung des Basis-Trainings. Der Start für das Training sollte zunächst in eher reizarmer Umgebung mit nur geringfügigen Ablenkungen erfolgen.

Die erste Übungseinheit darf sich ausschließlich auf einen Abruf auf kurzer Distanz (bis maximal 3 Meter) beschränken. Kontrolle und Koordination ist zu Beginn weitaus wichtiger als weite Distanzen. Erst muss nämlich die technische Umsetzung funktionieren.

Das bedeutet, Timing und Dosis der Impulsgebung an der Schleppleine müssen ausgelotet werden. Dabei entstehen erste Lernverknüpfungen (Assoziationen), die bei einer Distanzvergrößerung bereits Gutes leisten. Je kürzer die Distanz anfangs gewählt wird, desto garantierter wird der zu erwartende Lernerfolg.

Mit einer im Grunde genommen klassischen Nachkonditionierung wird das bereits durch Motivation erlernte Hörzeichen "Hier" zu einer verpflichtenden Sache für den Hund. Dazu ein beispielgebender Ablauf bei Hund Ranger:

  • Ranger läuft 2 Meter vor seiner Besitzerin. Diese hält die Schleppleine locker in der Hand
  •  Der Hund schnüffelt sich den Spazierweg entlang und hört auf einmal "Ranger, hier!" Er dreht sich daraufhin um, kommt zurück und wird gelobt beziehungsweise sporadisch auch mal mit Leckerli belohnt. Die Schleppleine kam nicht zum Einsatz, weil es nicht notwendig war. Nach dem Hörzeichen "Lauf" entfernt sich Ranger und schnüffelt weiter. Kurze Zeit später ertönt wieder "Ranger, hier!", doch Ranger hat sich an irgendetwas festgeschnüffelt und reagiert diesmal nicht. Daraufhin erfolgt erneut - und keinesfalls lauter als beim ersten Mal - das Hörzeichen "Hier!" (diesmal ohne Namensnennung, denn das erste Ansprechen hatte der Hund ja bereits vernommen). Möglichst in Bruchteilen einer Sekunde folgt nach dem "Hier!" ein Leinenimpuls. Dabei niemals an der Leine ziehen oder gar reißen und bei Welpen oder Junghunden grundsätzlich den Impuls am Geschirr geben.
  •  Ranger dreht sich irritiert beziehungsweise beeindruckt um, vernimmt erneut das Hörzeichen .Hier!", kommt zurück und wird gelobt!

Das Hörzeichen "Hier!" war für Ranger bis zum Zeitpunkt des ersten Trainings ein bereits durch Motivation  vorkonditionierter und somit bekanntes Signal (Reiz). Infolge einer Interessen- Kollision (interessante Schnüffel-Stelle) entschied sich Ranger gegen das Befolgen des Signals und reagierte deshalb nicht.

Mit einem weiteren, unterstützenden Signal (neuer oder auch nur spezifischer Reiz) mittels Impuls an der Schleppleine erfolgt eine Verknüpfung (Assoziation) zwischen dem verbalen Reiz "Hier!" und dem mechanischen Reiz-Impuls. Durch den Leinenimpuls verstärkt man das Hörzeichen "Hier!" Der Impuls ist somit das Ausrufezeichen des Hörzeichens.

Die optimale Impulsgebung sollte nach Möglichkeit keine Sache der Kraft und Körperenergie sein, sondern in erster Linie mit einer Bewegung aus dem Handgelenk erfolgen. Intensität und Dosis lassen sich über das Handgelenk wesentlich besser strukturieren als über bloße Körperkraft. Zudem ist die Verletzungsgefahr des Hundes durch die richtige Impulsgebung (aus dem Handgelenk) auf Null gesetzt.

Würde sich Ranger nach der Impulsgebung an der Schleppleine dem Rückruf widersetzen, kämen die in der Hundeerziehung Wunder bewirkenden Zauberwörter Konsequenz und Kontinuität zur Geltung. Konsequent und kontinuierlich wird der Rückruf durchgesetzt, ohne dabei laut oder gar aggressiv zu werden. Der längere Atem ist entscheidend und keinesfalls aufbrausende Emotionalität.

Konsequenz und Kontinuität

Tägliches, gezieltes Training des Rückrufes an der Schleppleine bringt erfahrungsgemäß eine garantierte Rückruf- Verbesserung. Da es aber häufig sowohl an der Kontinuität als auch an der Konsequenz fehlt, treten sehr schnell Pannen und Rückschläge auf, die dem erhofften Erfolg nachteilig begegnen. Dabei ist nach wie vor das Zitat von Günther Bloch "Ein Jahr Schleppleine, 10 Jahre Freiheit für den Hund" durchaus zutreffend.

Doch oftmals werden Hundebesitzer insbesondere durch den schnellen Anfangserfolg im Umgang mit der Schleppleine sehr nachlässig. Bereits nach wenigen Wochen entfernen sie die Schleppleine - viel zu früh. Wenn dann, nach den ersten Rückschlägen, die Schleppleine doch wieder angehängt wird, bemerkt irgendwann der Hund, was es mit diesem Hilfsmittel auf sich hat. Konsequenz und Kontinuität im Rückruf-Training mit der Schleppleine beinhalten vor allem vier elementare Bausteine:

  • In grundsätzlich jedem Ablauf befindet sich die Schleppleine am Hund, ganz gleich, ob gerade geübt wird oder nicht.
  • Bei jedem Spaziergang fließen auch kleine Trainingseinheiten in Sachen Rückruf ein. Hierzu können Spazierwege regelrecht präpariert werden.
  • Um für den Alltag gewappnet zu sein, ist diese Art sehr effektiv, der Hundebesitzer wird durch lenkende Außenreize nicht überrascht ist. Im Gegenteil: er weiß haargenau, wann und wo sich die präparierten Stellen befinden und kann entsprechend konzentriert mit dem Rückruf darauf reagieren. Bei nachhaltigem Erfolg wird  die Schleppleine nicht komplett entfernt, sondern mehr und mehr gekürzt, bis nur noch ein kurzes Leinchen am Hund hängt.
  • Der Rückruf mittels Schleppleine muss unbedingt auch außerhalb ablenkender Situationen stattfinden. Ansonsten lernt der Hund in dieser Zeit, dass er nur deshalb erfolgt, weil in seinem Umfeld irgendetwas los ist. Ich betone nochmals, daß es nicht grundsätzlich erforderlich ist, die Schleppleine andauernd in der Hand zu halten. Unmittelbar vor dem Rückruftraining muss sie jedoch aufgenommen und festgehalten werden, da nur so der Rückruf gesichert und umgesetzt werden kann.

 Verbesserung der Kontrolle

 "Mein Hund bleibt ständig an der Schleppleine hängen außerdem verheddert er sich ständig mit dieser langen Leine!", ist die besorgte Aussage mancher Hundebesitzer. Dazu kann ich nur aus Erfahrung sagen, dass wir über einige Jahre regelmäßig kilometerlange Gruppenspaziergänge mit vier bis sechs freilaufenden Hunden auf Feld- und Waldwegen praktiziert hatten.

Die meisten dieser Hunde trugen Schleppleinen in einer Länge von jeweils fünf Metern oder im Einzelfall auch 10 Metern. Es gab in all den Jahren nicht einen einzigen nennenswerten Zwischenfall, der die immensen Vorteile der Schleppleine in Frage gestellt hätte.

In unseren Raufer- und Rambo-Gruppen haben die Vierbeiner mit der Zielstellung einer optimierten Kontrolle im eingezäunten Freilauf jeweils fünf Meter lange Schleppleinen. Selbst wenn sich bei einer Rangelei ein oder sogar zwei Hunde in der Leine verheddern, so ist es kein Problem, die Schleppleine wieder in die ursprüngliche Position zu  bringen.

Einzelfall-Schilderungen, bei denen es tatsächlich zu schlimmeren Verletzungen durch das Vorhandensein der Schleppleine am Hund kam, sind vergleichsweise selten und schmälern nicht den hohen Nutzen dieses Hilfsmittel in Sachen Koordination und Kontrolle.

Zwei Methoden im Vergleich

Abgesehen von den Möglichkeiten beim Rückruf-Training kann die Arbeit mit dem Hilfsmittel Schleppleine den generellen Führanspruch erhöhen und die Distanzkontrolle im Freilauf verbessern. Einen ganz besonderen Stellenwert erhält dabei das "anonyme" Arbeiten mit der Schleppleine.

Der gravierende Unterschied zwischen dem verbalen Rückruf- Training und dem anonymen Training mit der Schleppleine ist die jeweilige Signalgebung. Die nachfolgende Gegenüberstellung verdeutlicht diesen Unterschied und zeigt auch, dass Schleppleinen-Training nicht gleich Schleppleinen-Training bedeutet. Beim Rückruf-Training mit der Schleppleine passiert im Grunde genommen aus Sicht des Hundes folgendes:

Rückruf (Hörzeichen) = akustische Wahrnehmung = Interessen-Abwägung

Wird das Rückruftraining an der Schleppleine sorgfältig aufgebaut beziehungsweise mittels Schleppleine erfolgreich unterstützt und umgesetzt, entfällt die Notwendigkeit eines anonymen Schleppleinen-Trainings. Der Hund kommt nach der Interessen-Abwägung zu seinem Besitzer zurück, wenn dieser ihn ruft.

Doch nehmen wir die scheinbar zahllosen Familienhunde, die sich beim Rückruf resistent verhalten: Sie vernehmen akustisch das Hörzeichen ihres Besitzers und kommen nach einer Interessen-Abwägung zum Schluss, es nicht zu befolgen - das Problem tausender Hundehalter beim alltäglichen Spaziergang.

Mit jedem einzelnen Erfolg des Hundes, sich dem Hörzeichen (Beispiel: "Hier") zu widersetzen, löst sich die erhoffte Wirkung des Zweibeiners auf ein Zurückkommen des Vierbeiners quasi in Luft auf. Das geht sogar so weit, dass Hunde beim Rückruf erst einmal in alle Richtungen schauen, welcher Außenreiz das Hörzeichen ausgelöst hat.

Ohne Grund ruft ja der Besitzer den Hund (leider) so gut wie nie zurück! Um es auf den Punkt zu bringen: Viele Hunde werden oftmals über Monate und sogar Jahre hinweg dazu konditioniert, bei einem "Hier" oder "Komm" nicht zurück zukommen, weil das Hörzeichen nicht konsequent durchgesetzt worden ist.

An dieser Stelle wenden wir entweder die Konditionierung eines neuen Hörzeichens zum Rückruf an I Beispiel: "Zuuurück") oder wir trainieren mit einem völlig anderen Schleppleinen-Modell dem sehr Erfolg versprechenden anonymen Schleppleinen-Training. Bei diesem Training passiert aus Sicht des Hundes folgendes:

Schleppleinenimpuls= unangenehm = Irritation =Interessen-Abwägung

Es geht bei diesem Training in keiner Weise darum, den Hund in irgendwelchen ablenkenden Situationen zurückzurufen. Vielmehr soll der Hund lernen, eigendynamisch seinen Fokus immer zuerst auf den Besitzer zu lenken, wenn er einen ablenkenden Außenreiz wahrnimmt.

Das hört sich zunächst viel komplizierter an als es tatsächlich ist. Deshalb ein einfaches Beispiel aus unserer Trainings-Praxis: Hündin Milli geht mit ihrem Besitzer an lockerer Schleppleine und bewegt sich dabei wenige Meter vor ihm. Auf einmal bekommt sie einen besonders attraktiven Geruch in die Nase. Ungefähr 20 Meter vor ihr liegt auf dem Spazierweg eine Wurstscheibe, die zuvor der Trainer dort platziert hat. Milli nimmt die Nase hoch in den Wind und bewegt sich zielstrebig auf den hohen Reiz zu. Ihr Besitzer bleibt daraufhin stehen, ohne auch nur einen Ton zu sagen.

Er wartet, bis die Leine eine optimale Länge aufweist, um mit einem dosierten Leinenimpuls und einer sofortigen Richtungsänderung den Hund zu verblüffen beziehungsweise zu irritieren. Der Schleppleinen-Impuls soll keine Schmerzen, sehr wohl soll er aber ein unangenehmes und verunsicherndes Gefühl im Hund auslösen.

Milli zeigt sich deutlich irritiert, kommt zum Besitzer und erhält von ihm ein bestätigendes Lob und (zu Trainingsbeginn) ein hochwertiges Leckerli. Allen an dieser Stelle aufheulenden Leinenruck-Gegnern sei gesagt, dass dieses Training nicht nur ohne tierschutzrechtliche Relevanz angewendet werden kann (keine erheblichen Schmerzen oder Leiden), sondern auch noch zu den effektivsten Mitteln im Sinne von Führanspruch und Distanzkontrolle zählt.

Fokus auf den Hundehalter

Die plötzlichen Richtungsänderungen durch den Hundebesitzer werden somit nie angekündigt, sondern treten insbesondere dann ein, wenn sich dem Hund ein ablenkender Außenreiz anbietet. Mal geht es plötzlich nach links, mal plötzlich nach rechts und mal plötzlich zurück. Ein gutes Training führt sehr schnell dazu " dass sich ein Hund immer mehr und immer intensiver um seinen Besitzer bemüht.

Er möchte ihn sprichwörtlich nicht mehr aus den Augen verlieren, denn das könnte für ihn unangenehm werden. In der Folge entstehen tolle und somit erfolgreiche Alltagsbilder, die sich sehen lassen können. Irgendwann innerhalb der Gassirunde taucht eine Ablenkung auf und das erste, was der Hund macht, er schaut auf seinen seinem Besitzer.

Dieser lobt ihn spontan, ruft ihn zurück und bestätigt ihn so, dass die Lust auf das  Zurückkommen nicht gemindert wird. Dann entscheidet der Zweibeiner – je nach Ablenkung -, ob sein Hund wieder laufen darf oder ob er bei ihm bleiben soll. Mehr ist und kann nicht gewollt sein. Wichtig dabei: Die Unannehmlichkeiten entstehen für den Hund nicht, wenn er seinen Fokus auf den Besitzer richtet. Der wird ihn immer loben und bestätigen, wenn er sich ihm zuwendet. So kann die soziale Beziehung zwischen Hund und Besitzer nicht mehr leiden.

Impulsgebung ohne Zerren

Die zwei erläuterten und sicher auch sehr gegensätzlichen Trainingsmethoden an der Schleppleine (Rückruf und anonym) stehen nicht konträr zueinander, sondern ergänzen sich wunderbar.

Ein Hundehalter kann sich glücklich schätzen, wenn sowohl der Rückruf funktioniert als auch der Fokus seines Hundes in ablenkenden Situationen zuerst auf ihn gerichtet ist. Probleme in beiden Konditionierungs-Bereichen (Rückruf-Training und anonymes Training) entstehen immer dann, wenn der Umgang mit der Schleppleine nicht präzise erfolgt.

Das bedeutet, dass Timing (Zeitpunkt der Impulsgebung) und Dosis (Intensität der Einwirkung) stimmig sein müssen. Pauschale Aussagen über die Dosis können ohnehin nicht getroffen werden, da die Dosis auf die individuelle Sensibilität des jeweiligen Hundes abgestimmt werden muss. Im Einzelfall kann die Verwendung eines Geschirrs beim Schleppleinentraining völlig ausreichend sein. In anderen Fällen ist es sinnvoller ein Stoff-, Leder- oder Kettenhalsband zu verwenden.

Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet neben Timing und Dosis auch die mechanische beziehungsweise technische Umsetzung des Schleppleinen-Trainings. Impulstraining an der Schleppleine hat nichts mit Ziehen, Zerren oder Reißen zu tun. Technisch korrekte Impulse realisiert man in erster Linie mit dem Handgelenk und weitaus weniger mit Körperkraft. Der richtige Leinenimpuls wird in Bruchteilen von Sekunden durchgeführt und ist kein atemraubender Kraftakt. 

Ein schlechter oder nicht korrekter Leinenimpuls durch Ziehen oder Zerren mit Körperkraft ist in den meisten Fällen wirkungslos. Ein Zug an der Leine durch den Zweibeiner stimuliert häufig Gegenzug durch den Hund. Eine effektive Korrektur durch den Leinenimpuls aus dem Handgelenk ist zumeist absolut ausreichend. Wird an der Schleppleine, wie hier dargestellt, mit viel Körperkraft gezogen, bleibt der Erfolg meist aus.

Nicht die Körperkraft ist entscheidend, sondern das mechanische Geschick des Handgelenks. Nur so kann ein effektiver Impuls umgesetzt werden.

Verhaltensabbruchsignal

Unerwünschtes Verhalten eines Hundes unterbinden die meisten Hundebesitzer mit einem generalisierenden "Nein". Dass dies bei besonders attraktiven Ablenkungen von außen oftmals nicht gelingt, liegt an der verflixten Interessen- Kollision, die immer wieder die Erregung und Erwartungshaltung eines Hundes so hoch stellt, dass hemmende Einflüsse nicht greifbar scheinen.

Je erregter ein Hund auf einen Reiz reagiert, desto schwerer wird es, ihn von einer unerwünschten Handlung abzubringen. Da geht es den Hunden wie den Menschen. Die Schleppleine kann in diesem Zusammenhang ein instabiles Hörzeichen "Nein" wirkungsvoll stärken.

Im Grunde genommen passiert dabei nichts anderes als beim Rückruftraining. Beschnüffelt der Hund beispielsweise beim Spaziergang zu intensiv den Kothaufen eines Artgenossen (unerwünschtes Verhalten), so kann nach einem ersten erfolglosen "Nein" das Hörzeichen mittels Leinenimpuls verstärkt werden. Genauso verläuft auch das Prinzip des Rückrufes nach dem Hörzeichen "Hier".

Auch das bereits bekannte anonyme Schleppleinen- Training kann sich bei der Durchsetzung von Verhaltensabbrüchen hervorragend bewähren. Dazu kann eine Trainingsetappe eine ganze Reihe von ablenkenden Reizen enthalten. Auf einem präparierten Fußweg beispielsweise befindet sich eine Vielzahl von Utensilien, die auf den Hund einen verlockenden Charakter haben.

Neben Leckerlis kann es sich dabei auch um attraktive Gegenstände mit Spiel- und Beutecharakter handeln. Der Hund wird zu Beginn auf noch kurzen Distanzen von wenigen Metern locker an der Schleppleine mitgeführt. Orientiert er sich nun mit zunehmender Intensität an den Verlockungen, erfolgen korrigierende Impulse ohne Hörzeichen. 

Die in den meisten Fällen unangenehme beziehungsweise irritierende Wirkung veranlasst den Hund zum Verhaltensabbruch und überwiegend erfolgt dann sogar noch der verunsicherte Blick zum Besitzer. Der wiederum spricht den Hund bei Blickkontakt freundlich zustimmend an (das unerwünschte Verhalten ist ja unterbunden).

Zu Trainingsbeginn kann neben einem stimmlichen Lob auch eine Leckerli-Bestätigung erfolgen. Interessanterweise gibt es zahlreiche Hunde, die innerhalb kurzer Trainingszeit von nur wenigen Wochen die Übungen im Alltag generalisieren. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie immer dann, wenn ein verlockend wirkender Außenreiz auftritt, den Blickkontakt zum Zweibeiner suchen.

Dadurch gehen sie selbstverständlich nicht nur einer unangenehmen Korrektur aus dem Weg, sondern werden auch noch - zumindest sporadisch - positiv durch Leckerli in ihrem Verhalten bestärkt. Wenn auch die Umsetzung des Schleppleinen- Trainings zum Verhaltensabbruch ausschließlich am Beispiel Unrat fressen erläutert wurde, liegt es doch nahe, dass dieses Training auch bei anderen ablenkenden Außenreizen Anwendung finden kann: Seien es entgegenkommende Artgenossen, Jogger oder Radfahrer - das System an sich ist methodisch in gleicher Weise  übertragbar.

Jäger und Pseudojäger

Zunächst ist festzuhalten, dass die wenigsten Hunde, die zum Leidwesen ihrer Besitzer Wild oder andere Tiere jagen, tatsächlich Jäger sind. Aus persönlicher, langjähriger Erfahrung mit jagenden Hunden schätze ich nur rund 10 Prozent der mir als problematische Jäger vorgestellten Hunde als wirkliche Jäger ein.

Damit bleiben 90 Prozent meist unausgelasteter Pseudojäger übrig. Bei diesen Hunden ist der anonyme Einsatz der Schleppleine, verbunden mit besseren Auslastungsmodellen, besonders wirkungsvoll. Die Pseudojäger jagen nur deshalb, weil ihnen keine vergleichbaren oder gar besseren Alternativen angeboten werden.

Der echte Jäger hingegen wird - weil fast immer genetisch besonders veranlagt – keine Alternativen annehmen, weshalb hier das Training individuell und spezifisch abgestimmt werden muss. Ein Hund, der sich durch ein Würstchen vom Jagen abhalten lässt, ist im Höchstfall ein unausgelasteter Pseudojäger, dessen Leidenschaften mit den Gelüsten des echten Jägers nicht annähernd vergleichbar sind.

Die von mir so genannten Pseudojäger werden im Training gezielt an der Schleppleine an Wildbereiche herangeführt und bei erfolgter Witterungs- oder Sichtaufnahme fast ausnahmslos über das anonyme Schleppleinen-Training (verunsicherndes Impuls-Training) zu Verhaltensabbrüchen bewegt.

Dabei muss sich allerdings der übende Hundebesitzer oder auch der anleitende Hundetrainer sicher sein, dass sich der Vierbeiner tatsächlich auf einer Wildfährte befindet. Zeitgleich sollte man das auslastende Alternativ-Training (beste Beispiele: Futterbeutel oder Zielobjektsuche) starten.

Bei den bereits erwähnten echten Jägern stoßen wir auf das Problem, dass es aus Sicht des Hundes definitiv keine nennenswerten Alternativ- Modelle zum Jagen gibt. Da helfen auch keine Würstchen, die auf einem präparierten Spazierweg irgendwo an Büschen oder Bäumen hängen. Bei aller Attraktivität von Würstchen: Einem echten Jäger unter den Hunden kann man anstelle von Würstchen auch ausgediente Schnürsenkel oder Lametta anbieten. Die Wirkung ist die gleiche, nämlich keine.

Einsatz in vier Wänden

Bereits im ersten Teil hatte ich kurz auf die Möglichkeiten zum Einsatz der Haus-Schleppleine hingewiesen. Ergänzend hierzu ein kleines Beispiel: Mischling Moritz hat sich (wieder mal) Frauchens Schuh geschnappt und verschwindet damit sofort ins Schlafzimmer, wo er sich mit seiner Beute umgehend unter dem Bett verkriecht.

Doch während sich seine Besitzerin noch bis vor wenigen Tagen aufreibend viel Mühe geben musste, um ihren Max wieder unter dem Bett hervorzulocken, geht jetzt alles viel schneller und effektiver. Max ist zwar unter dem Bett, aber die zwei Meter lange Haus-Schleppleine lugt noch fast einen Meter unter dem Bett hervor.

Die Haus-Schleppleine wurde erstmalig zwei Tage zuvor auf Anraten einer Hundetrainerin quasi installiert. Die Hundebesitzerin nimmt die Schleppleine locker in die Hand, ruft Max hervor und als dieser nicht reagiert, zieht sie ihn ohne zu schimpfen unter dem Bett hervor. Dieser verlängerte erzieherische Arm hat innerhalb weniger Tage zur Folge, dass Max keine besonderen Vorteile mehr in seinem, früher so tollen Versteck erkennt und deshalb überhaupt nicht mehr unter das Bett kriecht.

Auch wenn er immer wild bellend an die Haustür rannte, sobald es klingelte, war es äußerst schwer für die Hundehalterin, ihren wilden Max festzuhalten. Immer wenn sie sich ihm näherte, wich er mit schnellen Bewegungen aus, umkreiste sie und rannte letztlich doch wieder zur Tür. An der Haus-Schleppleine jedoch war Max' bereits ritualisiertes Verhalten schnell unterbunden.

Frauchen fasste nicht mehr den Hund an, sondern ergriff die Leine und korrigierte das unerwünschte Verhalten von Max einfach und schnell auf Distanz. Jeder Hundehalter, der im häuslichen Bereich Korrektur- Bedarf sieht, seinen Vierbeiner allerdings nie richtig zu fassen kriegt, neigt sehr schnell auch zu emotionalen Entgleisungen.

Die neue autoritäre Macht über die Haus-Schleppleine kann in der Lebensgemeinschaft Mensch-Hund, da wo nötig, einen wesentlich konsequenteren und vor allem ruhigeren Umgang bewirken.

Werkzeug zur Motivation

Die meisten Hundebesitzer kennen die Schleppleine nur als Hilfsmittel zum Rückruf oder zur besseren Verhaltenskontrolle. Die wenigsten wissen, dass die Schleppleine in der modernen Konditionierung von Dienst-, Sport- und Rettungshunden oder auch beim Angstabbau von sehr unsicheren Hunden äußerst stimulierend und somit motivierend eingesetzt werden kann.

Soll beispielsweise ein Welpe oder Junghund später als Rettungshund arbeiten, müssen der soziale Kontakt und die soziale Neugierde gegenüber fremden Menschen wesentlich mehr gefördert werden als bei einem normalen Familienhund.

Wird der Welpe im ersten Training immer nur zu versteckten Personen gelassen, um einen motivierenden Kontakt zu erleben, entwickelt sich dieser Welpe nie so dynamisch und stark wie ein anderer Welpe, der durch den Einsatz einer Schleppleine am Geschirr sanft auf seinem Weg zum Versteck gebremst wird.

Vereinfacht dargestellt: Schwimmen gegen den Strom ist wesentlich energie- und leistungsfördernder als permanent sich treiben zu lassen. Ein sanftes Bremsen soll den Weg des Hundes erschweren, aber keinesfalls verhindern. Die aufzuwendende muskuläre Energie verläuft erfahrungsgemäß parallel zur geistigen oder auch trieblichen Energie. Ein erkämpfter Erfolg ist immer effektiver und nachhaltiger als ein einfacher Erfolg.

Diese Formel trifft leider für viele Hundehalter beim täglichen Leinenspaziergang mit Hundebegegnungen zu. Auch hier wirkt sich das durch die Leine nicht korrigierte, nur gebremste Verhalten auf unerwünschte Handlungen nicht hemmend, sondern motivierend aus.

In der Angst-Therapie sind ebenfalls minimal dosierte Bremsen an der Schleppleine äußerst erfolgsfördernd. Befindet sich ein sozial ängstlicher Hund im Futterkreis, führt der Besitzer die Koordination aus der Kreismitte heraus durch. Die Leine strafft sich leicht, während sich der unsichere Hund der Person (Konfliktherd) nähert. Dort angekommen, findet er in der Hand der Person ein Leckerli.

Noch während des Fressens zieht der Hundebesitzer seinen Vierbeiner wieder sanft weg (wehren fördert das Begehren) und koordiniert dabei seinen Hund zur nächsten Person. Achtung! Jeder Impuls oder Ruck an der Leine kann die zuvor herausgearbeiteten Therapie-Erfolge mit einem Schlag zunichte machen. Aus diesem Grund kann man zur Sicherheit auch Leinen mit einem höheren Gummianteil verwenden, damit der Dehnfaktor vergrößert wird.

Die Verletzungsgefahren

Zum Abschluss dieser Artikelserie müssen wir uns auf alle Fälle noch mit den unbestreitbaren Risiken beim Einsatz der Schleppleine befassen. Besonders die Verletzungsrisiken bei Mensch und Hund, kommen sie auch vergleichsweise selten vor, können im Einzelfall folgenreich verlaufen.

Die meisten mir persönlich bekannten Verletzungen bei Hundebesitzern sind Schürf beziehungsweise Brandwunden in den Handinnenflächen. Beim Versuch, den losstürmenden Hund festzuhalten, kann die Leine mit schmerzhaften Folgen durch die Hand gezogen werden. Aus diesem Grund machen manche Hundehalter in einem jeweiligen Abstand von einem Meter einfache Knoten in die Leine, die ein Durchrutschen verhindern.

Auch das Überziehen leichter Fahrrad-Handschuhe schützt vor Schürfverletzungen. Besonders kritisch kann es werden, wenn sich bei einem plötzlichen Losstürmen des Hundes die Schleppleine um die Beine des Zweibeiners wickelt und diesen zu Fall bringt. Zerrungen, Schürfungen, Verstauchungen und schlimmstenfalls Brüche oder gar  Kopfverletzungen nach Stürzen können die seltene Folge sein.

Die Risiken für den Hund betreffen neben ungewollten Blockaden durch Hängen bleiben an Steinen oder an Gestrüpp Verletzungen (Stauchungen, Zerrungen) an Gliedmaßen und an der Halswirbelsäule. Mir ist ein einziger spektakulärer Fall bekannt, bei dem ein Golden Retriever mit (oder trotz) Schleppleine  Rehwild verfolgt hatte.

Zwei Tage später wurde er - Gott sei Dank unversehrt - in einem Waldstück wieder aufgefunden. Die Schleppleine hatte sich mehrfach um einen Baum gewickelt und der Hund kam mit eigenen Anstrengungen nicht mehr frei. Zum Teil tragen auch Hundetrainer zu einem hohen Verletzungsrisiko bei, wenn sie, wie in bereits mehreren Fällen bekannt geworden, die Schleppleine am Kopfhalter (Halti) anbringen und dann den  losstürmenden Hund auf fast 10 Meter Entfernung mittels Leine blockieren. Auch nicht unerwähnt bleiben dürfen die Risiken plötzlich auftretender Leinendefekte.

Neben typischen Materialfehlern an Karabinern können Verschleißerscheinungen am Leinenmaterial entstehen, die bei einer Belastung die Schleppleine zum Reißen bringen können. Neben den genannten Verletzungsrisiken bei Mensch und Hund ist unbedingt zu beachten, dass der nicht fachmännische Einsatz der Schleppleine das Gegenteil von dem bewirken kann, was eigentlich gewollt ist: Anstelle einer  Verhaltensbesserung erfolgt eine Steigerung des negativen Verhaltens.

Trotz aller bekannter Risiken beim Einsatz der Schleppleine, überwiegen die Vorteile mehr als eindeutig - zumal die täglichen Risiken beim Spaziergang für einen nicht zuverlässig folgenden Hund weitaus größer sind als bei der Verwendung  einer Schleppleine. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrem Vierbeiner im Falle eines künftigen Schleppleinen-Gebrauchs ein optimales Gelingen.