Starke Sprüche „Der will doch nur spielen . . .“

von Thomas Riepe

Quelle Hundemagazin WUFF 12/08 – 01/09

In seiner Serie "Starke Sprüche" nimmt Hundepsychologe und Buchautor Thomas Riepe häufig gehörte Sprüche unter die Lupe und überprüft sie vor dem Hintergrund seiner langjährigen Praxis mit Hunden und ihren Haltern.

Wenn ich eine Hitliste der unsinnigsten Sprüche rund um Hunde aufstellen müsste, dann könnte sich der Satz "Der will doch nur spielen ..." sicherlich über eine Spitzenposition freuen.

Spielen ist - da sind sich alle Zoologen einig - ein ritualisiertes Lebenstraining ohne ernsthafte Konsequenzen. Beim Spielen wird für das spätere Leben gelernt, es wird bspw. die Jagd simuliert oder es werden soziale Abläufe trainiert, sodass das soziale Lebewesen Hund die Grundlagen beherrscht, um innerhalb eines sozialen Verbandes existieren zu können. Da man beim Spiel wissen muss, wie weit man gehen darf, ist es wichtig, seinen Spielpartner einschätzen zu können.

Darum wird von Natur aus in erster Linie mit Lebewesen gespielt, die man gut kennt, d.h. mit Familienmitgliedern und Freunden. Läuft ein Hund jedoch auf einen fremden Menschen oder einen ihm unbekannten Hund zu, dann möchte er sicherlich nicht sofort spielen, sondern erst einmal die Situation abklären. Jedem Hund sind seine Familie und sein Territorium sehr wichtig, weil die Gruppe und das Territorium, welches er kennt, wichtig für sein Überleben sind. Er hat daher zu den eigenen Familienmitgliedern, ob nun Mensch, Hund oder auch Papagei, ein ganz anderes Verhältnis als zu ihm unbekannten Menschen, Hunden, Papageien.

Natürlich unterscheidet er dabei ganz eindeutig zwischen Mensch, Hund und anderen Arten. Aber trotzdem ist jedes fremde Lebewesen, das sich ihm nähert, erst einmal eine potenzielle Bedrohung. Nähert man sich einem solchen fremden Menschen oder Hund, muss zuerst einmal einiges abgeklärt werden. Ist der Fremde stark und selbstbewusst und was sind seine Absichten? Entpuppt er sich als Freund oder Feind? Muss ich ihn verscheuchen, weil er ein ernsthafter Konkurrent um Ressourcen in meinem bzw. unserem Familienrevier ist? All diese Fragen beschäftigen den Hund - natürlich nicht in der sprachlich abstrakten Form wie hier aufgeführt. Vielmehr handelt es sich um eher unbewusst  ablaufende, gefühlte Vorgänge.

Und wenn man auf Fremde zugeht oder zuläuft, müssen diese offenen Fragen abgeklärt werden. Das ist genau überwiegend die Absicht, die ein Hund verfolgt, wenn er sich einem fremden Hund und/oder Menschen nähert. Menschen werden da meist recht tolerant behandelt, weil die meisten aus der Sicht des Hundes sowieso viele kommunikative Fehler machen. Hunde müssen sich da schon besser ausdrücken und ihre Absichten klar zum Ausdruck bringen. Und ein fremder Papagei? Nun, der "Familienpapagei" wird vom Hund irgendwie als Familienpapagei akzeptiert. Aber ein fremder Papagei ist doch stark gefährdet. als Beutetier angesehen zu werden.

Und ähnlich verhält es sich mit der eigenen Katze im Haushalt und der Katze des Nachbarn . . .

Also, Hunde möchten nicht mit jedem fremden Individuum einfach nur spielen, Sie möchten zunächst die jeweilige Situation beurteilen und abklären. Das soll natürlich nicht heißen, dass nach erfolgter Abklärung nicht auch gespielt werden kann. Allerdings liegt hier die Betonung klar auf „kann“.

In der Praxis bedeutet das für den rücksichtsvollen Hundehalter, dass er bei Begegnungen seinen Hund und die Situation genau beobachtet uns seinen Vierbeiner notfalls anleint, um Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen.